2020 - Grenztour

 

Während des "Lockdown", als die meisten Staatsgrenzen innerhalb Europas während der COVID-19-Pandemie/ Coronakrise geschlossen waren, hatte ich eine blendende Idee. Eine Idee, auf die ich wohl nicht gekommen wäre, wenn ich nicht im Grenzgebiet, dazu im Dreiländereck wohnen würde. Denn diese Möglichkeit wird sich in meinem Leben wohl nicht mehr anbieten: Zwischen dem 28. März und dem 7. Mai bin ich alle Grenzübergänge (Straßen, Feldwege) zwischen Rodersdorf (CH/ F) und Rheinfelden (CH/ D) abgefahren. Bei einem ersten Blick auf die Karte sieht das nicht nach viel aus, ist es aber. Denn es gibt viele Wege in den Reben, im Wald, sehr verwinkelte Gegenden und Übergänge, an die man erst mal kommen und als solche erkennen muss. Insgesamt waren es über 80. Allerdings gab es auch einige offene oder leicht überwindbare Stellen. Hier ist ein Auschnitt der Aufnahmen. Wenn euch nicht ganz klar ist, wo die Grenze ist, dann sucht nach den Grenzsteinen. Oft gehört aber etwas Phantasie dazu, herauszufinden, wie die Grenzlinien denn verlaufen. Zum Teil wirklich kreuz und quer. Oft mitten durch Höfe, Felder, Friedhöfe oder Kleingärten.

 

Die Zeit des „Lockdown“ war für viele schlecht, gerade für Menschen mit Kindern, für die Kinder selbst, für Leute, die im Gastgewerbe oder im künstlerischen Bereich aktiv sind. Und natürlich für Risikogruppen. Zu all diesen Gruppen gehöre ich nicht. Mir ging es in der Schweiz sehr gut, besser als in Deutschland und unglaublich viel besser als in Frankreich mit seinen enormen Einschränkungen. Die Grenzen zu beiden Staaten sind jeweils keine drei Kilometer von meiner Wohnung entfernt. Ich habe es genossen, die Grenze entlang zu fahren, auf den Fußgängerwege zu fahren und die Stadt Basel vor allem im April in einem sonnigen Licht bei angenehm warmen Temperaturen  fast ohne Menschen zu erleben. In der Öffentlichkeit fühlte man sich in den ersten Wochen der Pandemie an der frischen Luft allerdings schnell schuldig, weil fast alle sich in ihren Wänden verbarrikadiert haben.

 

Zum ersten Mal habe ich eine Tour mit fast ausschließlich stark vergrößerten Ausdrucken von google maps gemacht. Denn sonst hätte ich die über 80 Grenzübergänge kaum gefunden. Die Zahl ist übrigens schwer zu bestimmen. Denn einige Übergänge sind nur über Privatgelände zu erreichen, manch andere sind Grenzwege bzw. Grenzstraßen und haben auch entsprechende Namen. Wiederum andere befinden sich an Feldern oder im Wald und es gibt dort unzählige Grenzlinien.

 

Bei jeder meiner Grenztouren habe ich Neues entdeckt. Egal ob wunderschöne Aussichten, Landschaft oder Architektur. Ohne Corona wäre ich wohl nie auf die Idee gekommen bzw. motiviert genug gewesen, diese Grenzstrecke anzufahren.

 

Eine Geschichte von der letzten Tour: 

Kleiner Wanderweg durch den Wald in Bettingen und Basel statt den breiten Waldweg, den man auch mit dem Auto hätte befahren können. Anfangs war ich mir nicht sicher, ob dies ein Grenzweg wäre, wurde aber bald darauf durch Grenzsteine darin bestätigt. Und glaubte, bald ein bisheriges Unikum für mich zu sehen: Deutsche Grenzsoldaten während der  COVID-19-Pandemie. Auf meinen bisherigen Touren an den geschlossenen Grenzen hatte ich - abgesehen von den Zollstationen - nur Schweizer Soldaten gesehen. Vor den sehr großzügig aufgehängten Bändern wurden ebenso großzügig Holzstämme auf dem Weg verteilt, damit ein Durchkommen unmöglich war. So habe ich mich zu Fuß den Bändern genähert, ebenso von der anderen Grenzseite eine Gruppe von etwa 10 jungen Menschen. Sie wollten den Weg nehmen, der schräg von meinem abbog. Bis ich sie sagen hörte "Sell isch Dütschland" (Alemannisch für "Das/ Jenes dort ist Deutschland"). Damit haben sie das Gebiet hinter den Bändern gemeint, auf dem ich mich befand. Ich bin näher zu ihnen bzw. zum Band hin und habe sie gefragt, ob sie sich in der Schweiz befänden. "Ja". Darauf ich: "Ich auch". Ihre Reaktion: "Dann komm doch rüber". Die beiden jungen Soldaten (ca. 20-25) haben darin auch kein Problem gesehen, nachdem ich ihnen gesagt habe, dass ich wohl vom Weg abgekommen sei und außerdem in Basel wohne. Sie waren sogar so freundlich, mir das Band hochzuheben, damit ich lässig darunter durch kam.

Dies war die einzige unabsichtliche und vor allem unbewusste Grenzüberschreitung bei meinen Grenztouren. Allerdings: Waren die Bänder überhaupt richtig aufgehängt?

 

 

Die Reihenfolge der folgenden Bilder ist nicht chronologisch, wie man unschwer erkenn kann, sondern sie richtet sich nach den Standpunkten.

 

 

 

Diese Seite wurde zuletzt aktualisiert am 16 Jul 2020 13:21:00